Weniger Kinder – weniger Schulen, das ist eine einfache Rechnung. Immer mehr Schulen werden in Deutschland geschlossen – mit unangenehmen Auswirkungen auf die Schüler und ihre Familien. So sind zum Beispiel viele Schüler in Mecklenburg-Vorpommern täglich zwei Stunden und länger unterwegs, weil die nächste Schule so weit entfernt liegt. Wir wollten von dem Mikrosoziologen Prof. Dr. Hans Bertram von der Humboldt Universität Berlin wissen, welche Konsequenzen die demografische Entwicklung auf die Schulen und Familien hat und haben wird.
Herr Professor Bertram, haben Kinder, die in Mecklenburg-Vorpommern auf dem flachen Land leben, schlechte Karten?
Professor Dr. Hans Bertram: Diesen Satz kann ich so unterstreichen. Zu negativen Auswirkungen würde ich sagen: Es kann so sein. Hundertprozentig weiß man nie, ob der lange Schulweg Mitschuld an schlechten Schulleistungen hat. Aber, wenn Schüler neben der eigentlichen schulischen Leistungsfähigkeit weitere Leistungen erbringen müssen, wie beispielsweise eine lange Anreise, dann sind allein schon ihre zeitlichen Chancen, sich auf die Schule zu konzentrieren, einfach viel geringer, als wenn sie in einer Großstadt wie München oder Berlin leben, wo die Bildungsinfrastruktur einfach besser ist.
Im vergangenen Jahr haben Sie bei den Reckahner Bildungsgesprächen aus einer Zusatzuntersuchung zu den PISA-Ergebnissen über die schlechten Mathematikleistungen der 15-jährigen Schüler in Mecklenburg-Vorpommern zitiert und einen Zusammenhang zu den langen Schulwegen hergestellt.
Das, worauf ich mich bezog, war eine Untersuchung von Professor Baumert auf der Basis PISA 2003 über die Leistungsdifferenzen zwischen den Bundesländern. Baumert hat geprüft, welche Bedeutung die soziale Herkunft hat. Mecklenburg-Vorpommern gehörte zu den Ländern, die bei PISA nicht so gut dastanden und in denen die soziale Herkunft einen offensichtlich sehr viel stärkeren Einfluss ausübt als beispielsweise in Sachsen. Nun haben aber Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern eine ähnliche Bildungsgeschichte. Sachsen ist jedoch, ganz anders als Mecklenburg-Vorpommern, ein eher kleinräumiges Land mit einer dichten Besiedelung, ähnlich wie in Westdeutschland. Deswegen die Schlussfolgerung: Wenn sonst alle Bedingungen ähnlich sind, muss man davon ausgehen, dass hier die Infrastruktur eine Rolle spielt.
Demografen warnen ja nicht erst seit gestern vor den Folgen des demografischen Wandels. Horst Köhler hat den demografischen Wandel sogar zur politischen und gesellschaftlichen Kernaufgabe erklärt. Ist das überhaupt in der Politik angekommen? Welche Chancen gibt es denn jetzt noch, diese Folgen – was den Bildungsbereich angeht – abzumildern?
Professor Dr. Hans Bertram: Das ist ganz einfach: Die Eltern müssen in die Städte ziehen. Es gibt keine andere Lösung. Wir werden einfach akzeptieren müssen, dass dieses Problem nur dadurch zu lösen ist, dass die Eltern zur Infrastruktur ziehen. In den ländlichen Regionen, die in der Fläche ganz wenig Kinder haben, muss man die Zentren so attraktiv machen, dass die Eltern sich entscheiden, dort zu leben. Das hört sich zwar böse an, aber ich glaube, im Interesse der Kinder gibt es keine andere Lösung. Die Vorstellung, man könnte jetzt flächendeckend in den ländlichen Regionen bei 60 Personen pro Quadratkilometer eine solide Infrastruktur aufrechterhalten, halte ich für völlig unrealistisch.
Wird denn die demografische Entwicklung auch eine Veränderung des Schulsystems nach sich ziehen?
Professor Dr. Hans Bertram: Ja, das wird passieren. Das dauert bei uns zwar immer ein bisschen länger, aber der Zug zum zweigliedrigen Schulsystem ist doch schon gestartet. Auf Dauer wird es das sechs- oder achtjährige gemeinsame Lernen geben. Dann gibt es womöglich, ähnlich wie in Finnland, eine darüberliegende Oberstufe mit verschiedenen Angeboten, aber nicht mit unterschiedlichen institutionellen Schulformen. Es wird ja bereits in vielen Flächenländern über Schulzusammenlegungen diskutiert. Das heißt, wir brauchen – ob wir das wollen oder nicht – Gesamtschulangebote. Ich weiß, das ist in Deutschland ein Wort, mit dem man sich nicht unbedingt Freunde macht. Wenn die Flächenländer aber ein ausdifferenziertes Bildungsangebot für viele Kinder anbieten wollen, dann bleibt ihnen nichts anderes übrig, als Schulzentren zu entwickeln, wo die Kinder aus den ländlichen Regionen auch wirklich ein gutes Angebot bekommen. Das funktioniert aber nicht mit einem gegliederten Schulsystem. Unter der demografischen Perspektive tun Flächenländer wie Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und auch – man traut sich gar nicht, es zu sagen – bestimmte Teile von Bayern, gut daran, darüber nachzudenken, ob man nicht auf Dauer aufgrund der vorhandenen Entwicklungslinien sagt: Wir müssen eher in Schulzentren investieren. Das geht aber nur dann, wenn die Kinder in der Nähe wohnen. Wenn wir ihnen allen also ein ausdifferenziertes Angebot liefern wollen, müssen wir akzeptieren, dass die Schulform sich ändern wird.
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