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Schule/Hochschule

didacta Köln am 22.02.2010 um 13:00 Uhr

„Plötzlich entdecken Schüler ihr Interesse für ein bestimmtes Thema“

Außerschulische Lernorte bereichern den Unterricht

„Hier muss es doch irgendwo stehen!“ Fabian, Lukas, Judith, Christine suchen konzentriert nach der Antwort auf die Frage „Wo entstand die Keilschrift?“ Ausgestattet mit einer Sofortbildkamera, mit Aufgabenzettel und Stiften eilen die vier Schüler durch das Heinz Nixdorf MuseumsForum. Dabei konkurrieren sie mit vier weiteren Gruppen ihrer Schule um den Sieg bei dieser Museumsrallye.

Autostadt Wolfsburg: Inszenierte BildungMit ihren beiden Lehrern Klaus-Dieter Bollmann und Andreas Kaun sind die 20 Schüler der Haupt- und Realschule Bevern heute Morgen nach Paderborn gereist. Das Museum ist aber nicht Ziel eines Klassenausflugs oder Wandertags, der Besuch ist Teil des Unterrichts. Das Heinz Nixdorf MuseumsForum (HNF) ist einer von vielen außerschulischen Lernorten, die es bundesweit gibt. Außerschulische Lernorte zeigen, wie lernen, entdecken und forschen in einer anderen Umgebung funktionieren.

„Als außerschulischer Lernort ist das Heinz Nixdorf Museums Forum relativ nahe am Leben seiner jungen Besucher“, erklärt die Leiterin der Museumspädagogik im HNF, Irmgard Rothkirch. „Alle haben zwar Handy und Computer. Aber wir stellen immer wieder fest, dass die wenigsten wissen, wie zum Beispiel die Daten auf eine CD kommen. Wenn man außerdem guckt, wie sorglos sich junge Menschen im Internet bewegen, sehe ich das HNF in der Pflicht, diese Dinge zu problematisieren und zu erklären.“

Viele Museen sind gleichzeitig außerschulische Lernorte, aber auch andere Einrichtungen haben sich auf das außerschulische Lernen spezialisiert, wie zum Beispiel das NaturGut Ophoven in Leverkusen, wo Kinder Tier und Natur konkret erleben können, oder die Autostadt, die sich fächerübergreifend auf den Themenbereich Mobilität konzentriert. Rund 196 000 Schüler besuchten im vergangenen Jahr die in Wolfsburg angesiedelte Einrichtung.

„Im Prinzip kann die Bäckerei um die Ecke auch zum außerschulischen Lernort mutieren, weil die Schüler dort erleben können, wie man Brötchen backt und verkauft. Das ist auch in Ordnung“, erklärt Dr. Michael Pries, der in der Autostadt den Bereich „Inszenierte Bildung“ leitet. Gleichzeitig wendet er aber ein, dass für einen qualitativ hochwertigen außerschulischen Lernort auch bestimmte Anforderungen gelten sollten. „Das beginnt bei der Qualifikation dessen, der in die Rolle des zusätzlichen Lehrers schlüpft, und geht weiter mit der Frage, ob es eine didaktische Aufbereitung und eine Anbindung an den Lehrplan gibt.“ Pries plädiert für Standards für außerschulische Lernorte, „damit die Lehrer nachprüfen können, was ihnen dieser Lernort bietet und wie er in den Unterricht und das Curriculum eingebunden werden kann.“ Unter anderem zur Entwicklung dieser Standards wurde jetzt Didacta Verband die Arbeitsgruppe “Außerschulische Lernorte” gegründet.

Zunächst einmal muss der Lehrer aber über das Angebot an außerschulischen Lernorten informiert sein und da fühlen sich manche Kollegen allein gelassen, berichtet  Andreas Kaun: „In den Lehrplänen werden zwar die Möglichkeiten für solche Fahrten eröffnet. Aber uns Lehrern werden kaum weitere Hilfen gegeben. So gibt es wenig konkrete Vorschläge oder Fortbildungen. Hilfreich wäre auch eine Datenbank mit allen verfügbaren Angeboten. Die Idee, mit meinen Schülern ins Heinz Nixdorf Museum zu fahren, kam mir auf dem Weg zur Arbeit, als ich ein Plakat sah und dachte. Das wär etwas für meinen Kurs.“

Und schließlich ist auch der organisatorische und zeitliche Aufwand für die Lehrer nicht zu unterschätzen: Es muss ein Antrag bei der Schulleitung gestellt werden, Versicherungsfragen müssen geklärt und Elternbriefe geschrieben werden. Dann werden Unterschriften eingeholt und Geld eingesammelt. Und schließlich muss der Termin mit dem Kollegium abgesprochen werden, etwa, weil an diesem Tag keine Klassenarbeiten geschrieben werden dürfen.

Trotzdem, so meinen Kaun und Bollmann übereinstimmend, lohnt sich der Besuch eines außerschulischen Lernorts allemal. Deshalb fahren die Lehrer der Haupt- und Realschule Bevern auch regelmäßig mit Schülergruppen in den niedersächsischen Landtag: „Ich erlebe immer, wieder Schüler, die im Politikunterricht ruhig sind und dann im Raum der niedersächsischen Pressekonferenz plötzlich aufstehen und dem Minister Fragen stellen.“

In Paderborn und Wolfsburg merken die Verantwortlichen, dass seit der Einführung des achtjährigen Gymnasiums die Besuche aus der Oberstufe nachgelassen haben. Insgesamt aber nimmt die Nachfrage zu. „Die Ganztagsschulen müssen ihren Unterricht und ihre Angebote anders gestalten, da wächst der Bedarf an Unterstützung von außen deutlich“, berichtet Michael Pries.

Vor zwei Jahren haben die Wolfsburger den Schwerpunkt „Technische Frühbildung“ entwickelt und können sich seitdem über die Nachfrage aus den Kindergärten nicht beklagen. Groß ist das Interesse generell auch aus den ersten Jahrgängen der Sekundarstufe I. Im Computermuseum Paderborn sind die GPS-Touren bei den 5. bis 8.-Klässlern sehr beliebt: Jeweils eine kleine Gruppe von Schülern bekommt ein GPS-Gerät. Die Jugendlichen werden in die Technik eingewiesen und dann mit einem bestimmten Ziel rund um das HNF auf die Reise geschickt.

Neben der thematischen Ausrichtung und den speziellen Angeboten ist für die Schulen bei der Auswahl eines außerschulischen Lernorts ein weiterer Punkt entscheidend: Er darf nicht allzu weit entfernt sein. „Etwa eine Stunde Anfahrtszeit nehmen die Schulen in Kauf“, weiß Michael Pries.  Es sei denn, das Ganze wird eingebettet in einen Schullandheim- oder Jugendherbergsaufenthalt. Diese Einrichtungen bieten oftmals Pauschalangebote an und kooperieren dabei mit Museen oder anderen außerschulischen Lernorten in der näheren Umgebung.

Auf jeden Fall sollten die Schulen ihren Aufenthalt nicht zu kurz kalkulieren, rät Irmgard Rothkirch. „Bringen Sie noch ein bisschen Zeit mit,“ empfiehlt sie deswegen ihren Besuchern. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass der eine oder andere Schüler noch ein bisschen im Museum stromern will, weil er plötzlich sein Interesse für ein bestimmtes Thema entdeckt hat.“

Links

Heinz Nixdorf MuseumsForum (HNF)

Die Autostadt

Dazu auf der didacta

Außerschulische Lernorte als wichtige Partner für Bildungseinrichtungen. Was ist ein außerschulischer Lernort? Und woran erkennt man qualitativ hochwertige Bildungsarbeit an außerschulischen Lernorten? Diese und weitere Fragen stehen im Mittelpunkt des Symposiums „Außerschulische Lernorte – Partner der Schule“, das die Autostadt in Wolfsburg veranstaltet. Prof. Dr. Gerald Hüther, Leiter der Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Universitäten Göttingen und Mannheim/Heidelberg, führt mit einem Vortrag über die „Bedeutung eigener Erfahrungen für nachhaltige Lernprozesse“ in die Thematik ein. Weitere Experten auf dem Podium sind Prof. Dr. Renate Freericks von der Hochschule Bremen und der Journalist und Filmemacher
Reinhard Kahl. Congress-Centrum Ost, Offenbachsaal,19.3 2010, 10:00 – 16:00 Uhr

Im Anschluss an die Fachvorträge werden am Nachmittag in Arbeitsgruppen Best-Practice-Beispiele aus unterschiedlichen Bereichen vorgestellt und Fragen der Vernetzung von schulischer
und außerschulischer Bildung diskutiert. Die Veranstaltung ergänzt den Messe-Auftritt der Autostadt, die den Besuchern an drei Themeninseln ihr umfangreiches Bildungsangebot präsentiert.
Halle 6.1, Stand C50/D51.

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