Interview mit der Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Prof. Dr. Margret Wintermantel
1999 haben die europäischen Bildungsminister mit dem Bologna-Prozess den europäischen Hochschulraum ausgerufen. Zehn Jahre später aber haben die heftigen Proteste der Studierenden die Reform auf den Prüfstand gestellt. Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Prof. Dr. Margret Wintermantel erläutert im Interview, wie sich die Reform der Reform entwicklen wird.
Frau Präsidentin, HRK und KMK , so hieß es Anfang Dezember, wollen sich gemeinsam an die Beseitigung der Probleme machen, die bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses entstanden sind. Gibt’s schon konkrete Ergebnisse?
Prof. Dr. Wintermantel: KMK und HRK bleiben im Gespräch. Ein wichtiger Schritt war die Überarbeitung der ländergemeinsamen Strukturvorgaben für die Gestaltung der Studienprogramme, die die KMK Anfang des Monats verabschiedet hat. Die Professorinnen und Professoren in den Hochschulen arbeiten intensiv an der Weiterentwicklung und Verbesserung der Studienangebote und beziehen dabei die Studierenden und ihre berechtigten Anliegen mit ein.
Und was ist in diesem Jahr zu erwarten? An welchen Stellen soll vordringlich geschraubt werden? Immerhin läuft den Studierenden (und auch den Lehrenden) die Zeit weg.
Prof. Dr. Wintermantel: Wichtige Etappen sind das Bologna-Treffen, an dem die Studierenden, die HRK und die KMK beteiligt sind und zu dem Bundesministerin Schavan eingeladen hat, und natürlich auch der Bildungsgipfel der Bundeskanzlerin. Wir brauchen konkrete Ergebnisse was die weitere Umsetzung der Studienreform betrifft. Und vor allem muss die Finanzierungsfrage endlich gelöst werden: intensivere Lehre mit kleineren Lerngruppen erfordert mehr Personal, erfordert also zusätzliche Mittel, die kapazitätsneutral eingesetzt und verwendet werden können.
Nach wie vor ist der Zugang zum Masterstudium eingeschränkt, obwohl viele Organisationen wie der Deutsche Hochschulverband oder die Deutsche Physikalische Gesellschaft fordern, dass der Master und nicht der Bachelor Regelabschluss werden muss. Können und wollen denn die Hochschulen diese Forderung überhaupt erfüllen?
Prof. Dr. Wintermantel: Derzeit wissen wir noch nicht, wie viele Studierende direkt nach dem Bachelor in einen Master-Studiengang wechseln und wie viele nach einer ersten Phase der Berufstätigkeit einen Master anfügen wollen. Dies hängt von den individuellen Entscheidungen der Studierenden und der Entwicklung des Arbeitsmarkts ab und wird nach Fächern sehr unterschiedlich sein. Ich halte es daher für verfehlt, von einem “Regelabschluss” zu sprechen. Wir brauchen genügend Masterplätze, damit alle Studierenden, die geneigt und geeignet sind, ein Masterstudium machen können. Auch müssen wir den Studierenden die im Bologna-Prozess liegende Chance einräumen, durch Wahl eines – im Verhältnis zum Bachelor – fachfremden Masters eine individuelle Bildungsbiografie zu entwerfen.
Es ist immer vom europäischen Hochschulraum die Rede, von der Vergleichbarkeit und der Mobilität. Aber Erfahrungen zeigen, dass den Studierenden schon innerhalb Deutschlands die Möglichkeiten zur Mobilität genommen wurden. Hat jede Hochschule ihre eigene Reform gemacht, ohne nach rechts und links zu gucken?
Prof. Dr. Wintermantel: Das ist ganz bestimmt nicht so. Aber der Geist von Bologna, der eine liberale Praxis bei der Anerkennung von Leistungen erfordert, hat noch nicht überall Einzug gehalten. Studierende, die ein Auslandssemester absolvieren oder die Universität wechseln, müssen ihre Studienleistungen hinterher anerkannt bekommen. Man muss sich im Einzelfall anschauen, welche Kompetenzen die Studentin/der Student bisher erworben hat. Und nicht, ob exakt das gemacht wurde, was die eigene Studienordnung vorschreibt.
Sie haben jüngst die notwendige politische Unterstützung für die Studienreform eingefordert. Hat die Politik die Hochschulen im Regen stehen lassen? Und welche Unterstützung meinen Sie?
Prof. Dr. Wintermantel: Es geht um Deregulierung, es geht um Finanzierung und es geht um Kommunikation. Noch immer beschränken viele Länder die Hochschulen durch zu viele unnötige Regelungen bei der Gestaltung der Studienprogramme, noch immer ist die Reform nicht finanziert und noch immer gibt es keine vernünftige Vermittlung dessen, was Bologna will und ist. Angesichts dieser Tatsachen ist es wohl nachzuvollziehen, dass die Hochschulen sich mit einer staatlich beschlossenen Jahrhundert-Reform allein gelassen fühlen.
Im Diskussionsforum „Hochschule trifft Schule“ in Halle 6 werden an allen Messetagen von 11 –16 Uhr Kurzvorträge zu verschiedenen Themen angeboten. Die einzelnen Schwerpunkte:
16.3.2010 „Lehrerbildung“,
18.3.2010 „E-Learning“,
19.3.2010 „Übergang Schule – Hochschule“,
20.03.2010 „Berufsbild des Lehrers im Wandel“. Weitere Informationen: Flyer Schule/Hochschule
Am 17.1.2010 findet hier auch der Hochschultag 2010 zum Thema „Digitales Zeitalter in Schule und Hochschule – Veränderungen für Lehre, Prüfungen und Publikationen“ statt.
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