Initiativen und Netzwerke engagieren sich für mehr Lehrer mit Migrationshintergrund
Mehr als dreißig Prozent der Schüler in deutschen Klassenzimmern haben einen Migrationshintergrund. Sie treffen aber nur äußerst selten auf einen Lehrer, dessen Biografie Ähnlichkeit mit ihrer eigenen hat: Denn nur ein bis zwei Prozent der Lehrer in Deutschland kommen aus Zuwandererfamilien.
Damit spiegelt das Klassenzimmer weder die gesellschaftliche Realität wider, noch können sich Kinder aus Zuwandererfamilien an Integrationsvorbildern orientieren. Auch könnten Lehrer mit Zuwanderungsgeschichte wichtige Brückenbauer zwischen Schule und Familie sein. Der Verband Bildung und Erziehung wirbt schon seit Jahren für mehr Lehrer mit Migrationshintergrund in deutschen Klassenzimmern. Daneben machen sich immer mehr Initiativen und Projekte für diesen pädagogischen Nachwuchs stark. Bund, Länder und Kommunen haben sich bereits 2007 im nationalen Integrationsplan verpflichtet, mehr Erzieher, Sozialarbeiter und Lehrer mit Migrationshintergrund einzustellen. Aber viel zu selten entscheiden sich Abiturienten mit Migrationshintergrund für den Lehrerberuf – unter den Lehramtsstudierenden sind sie mit gerade mal sechs Prozent vertreten.
Es muss also verstärkt für pädagogische Ausbildungswege bei Migranten geworben werden. Das tut zum Beispiel die ZEIT-Stiftung in Hamburg seit 2008 mit dem Schülercampus „Mehr Migranten werden Lehrer“. Dort sollen junge Migranten für den Lehrerberuf begeistert werden. Das Konzept kommt an: Der Schülercampus soll im Frühjahr 2010 auch in Düsseldorf und in Nürnberg stattfinden.
Ein spezielles Stipendienprogramm für Lehramtsstudierende und Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst mit Migrationshintergrund hat die Hertie-Stiftung 2008 in Hessen gestartet – zunächst an der Uni Frankfurt. Die Studierenden erhalten ein Stipendium von 650 Euro pro Monat plus 150 Euro Büchergeld pro Semester. Referendare bekommen ein Bildungsstipendium von 1.000 Euro im Jahr. Daneben organisiert de Stiftung spezielle Seminarangebote. Zum Wintersemester 2009/10 wurden Lehramtsstudierende an weiteren Hochschulen gefördert, nämlich an der TU Darmstadt, an den Berliner Universitäten sowie der Universität Hamburg.
Auch einige Bundesländer sind aktiv. So hat Berlin Anfang 2009 eine Kampagne für mehr Lehrer aus Einwandererfamilien gestartet. Schüler aus Zuwandererfamilien sollen über Berufsperspektiven in Schulen informiert werden und Lehramtsstudenten, die selbst aus Einwanderfamilien stammen, sollen in den Migrantenorganisationen für den Beruf werben. Auch Lehrer mit Migrationshintergrund sollen verstärkt zusammenarbeiten und als Rollenvorbilder erkennbar werden.
Baden-Württemberg will mit seiner Initiative “Migranten machen Schule!“ ebenfalls Schüler mit Migrationshintergrund für den Lehrerberuf interessieren und Lehrern und Lehramtsstudierenden mit Migrationshintergrund ein unterstütztes Netzwerk anbieten.
Ein solches Projekt besteht bereits seit mehr als zwei Jahren in Nordrhein-Westfalen: 2007 wurde hier „Das Netzwerk von Lehrerinnen und Lehrern mit Zuwanderungsbiografie“ im Landtag gegründet. Mit knapp 30 Gründungsmitgliedern, Lehrkräften unterschiedlichster Herkunft, begann das Netzwerk. Mittlerweile ist es auf mehr als 200 Mitglieder angewachsen, die sich alle ehrenamtlich engagieren. Sie werben für den Lehrerberuf in Oberstufenklassen oder bei Berufsberatungstagen, beraten Lehramtsstudierende oder Referendare, Eltern und Migrantenselbstorganisationen. Sie organisieren Fachtagungen und arbeiten mit Schulbuchverlagen zusammen. Außerdem kooperieren sie mit verschiedenen Universitäten im Land. Ihr Motto: „Ich habe es geschafft. Das kannst du auch!“
Weitere Informationen:
Broschüre NRW-Netzwerk der Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte
Bildungs- und pädagogische Perspektiven in einer Einwanderungsgesellschaft, Dr. Prasad Reddy, Bonn, Konferenzraum 3/ CC Ost, 18.03.2010, 12 Uhr
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